Ratgeber / Gesundheit

Blutzucker: Die süsse Gefahr

28.10.2019 / von 

Still und leise richtet ein erhöhter Blutzuckerspiegel grosse Schäden an. Nervenenden werden zerstört, Organe erkranken. Zudem leiden Diabetespatienten oft an Bluthochdruck und einer Fettstoffwechselstörung. Doch Diabetes Typ 2 kann man in Schach halten. Wir sagen, wie.

Erhöhte Blutzuckerwerte

«Ihre Zuckerwerte sind zu hoch, Ihr Blutdruck und Ihr Cholesterinspiegel ebenfalls», sagte mir die Hausärztin vor drei Monaten. «So geht das nicht weiter. Jetzt müssen Sie die Ernährung umstellen, einige Kilos abnehmen, sich mehr bewegen. Sie müssen regelmässig den Blutzucker messen und Tabletten nehmen.» Uff! Das sass. Seither mache ich jeden Morgen um halb sechs einen 60-minütigen Waldspaziergang. Ich konsultierte auf Anraten meiner Ärztin eine Ernährungsberaterin, liess mich mit ihrem Einverständnis von einem Diabetologen beraten.

Jetzt messe ich regelmässig den Blutzucker und versuche eine für mich vernünftige Ernährung einzuhalten. Ich esse insgesamt weniger Kalorien, Kohlehydrate, weniger Fett. Mehr Gemüse, Salat, Früchte. Mit Erfolg. Meine Werte nähern sich dem Normalbereich. Die Kilos schmelzen, der Blutdruck sinkt. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich vor wenigen Tagen meine neuen Langzeitwerte erfuhr: 6.1 mmol/l.

Übergewicht häufig bei Diabetes Typ 2

Natürlich bin ich nicht der Einzige, der mit Diabetes Typ 2 lebt. In der Schweiz sind es etwa 200'000 Menschen. Das bestätigt Dr. med. Martina Bally aus dem Kantonsspital Aarau. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin FMH und in der Ausbildung zur Fachärztin Endokrinologie/Diabetologie FMH. «Die meisten Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 haben eine Veranlagung dafür. Je übergewichtiger ein Patient ist, desto früher kommt die Erkrankung.»

Die Alarmglocken läuten, wenn beim Mann der Bauchumfang grösser als 102 cm ist, bei Frauen grösser als 88 cm. «In den letzten Jahren häufen sich die Fälle von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mit Diabetes. Die meisten leiden an starkem Übergewicht und Abnehmen ist daher der beste Therapieansatz», ergänzt die Expertin. Die Veranlagung zum Diabetes ruft mit der Zeit und mit zunehmendem Gewicht eine Insulinresistenz hervor. Deswegen wird der Blutzucker nicht mehr von Muskeln und Fettgewebe aufgenommen, wo er verstoffwechselt werden könnte.

Diese Resistenz zwingt die Bauchspeicheldrüse, noch mehr Insulin zu produzieren. Auf Dauer ermüdet das die Bauchspeicheldrüse. Sie produziert weniger Insulin und das führt zu einer gesteigerten Produktion des Gegenspielers Glucagon. Dieser erhöht den Nüchternblutzuckerwert, da der Körper auch nachts Glucose produziert.

Hyperglykämie schädigt kleine Blutgefässe

Diese Nüchternwerte waren bei mir zu hoch. Anfänglich mass ich morgens um halb sechs Werte über 10 mmol/l, jetzt liegen sie zwischen 4.7 und 6.3. Hätte ich nichts unternommen, wäre die Insulinsekretion früher oder später versiegt. Liegen die Blutzuckerwerte lange Zeit auch nur leicht über dem Grenzwert, spürt das der Patient kaum. Aber die ständig erhöhten Werte führen dazu, dass noch weniger Insulin produziert wird, und das erhöht die Blutzuckerwerte.

Diese sogenannte Hyperglykämie (griechisch für "zu viel Zucker im Blut") löst Schäden an den ganz kleinen Blutgefässen aus. Das kann die Netzhaut der Augen schädigen, auch die Niere oder die Nervenenden in den Zehen. Füsse brennen, werden gefühllos, Verletzungen heilen schlechter. Probleme kanns auch mit den grossen Blutgefässen geben. Dann betrifft das zum Beispiel Gehirn, Herz und Beine.

Die Gefahr eines erhöhten Blutzuckers kann schwerwiegende Folgen haben. Das erfuhr Elsbeth Marti. Die 64-Jährige litt wohl schon längere Zeit an erhöhten Werten. Ihr Vater war 40 Jahre lang Diabetiker. Sie selbst konnte keine Symptome erkennen und deshalb kontrollierte der Hausarzt das Blut seiner übergewichtigen Patientin erst auf inständiges Bitten. Danach stellte sich heraus: Elsbeth Marti ist Diabetikerin.

Sie wechselte den Arzt, stellte die Ernährung um, speckte 25 Kilo ab und begann sich mehr zu bewegen. «Schade, dass mich die Krankheit bisher drei Zehen gekostet hat. Wegen schlecht heilender Verletzungen wurden mir in den letzten zwölf Jahren drei Zehen amputiert.» Elsbeth Marti kann damit leben. Sie trägt orthopädische Schuhe, geht regelmässig zur Podologin, um die Füsse zu pflegen. Sie wandert gerne im Urnerland, «dort hats viele Seilbähnli und wunderschöne Höhenwege». Zudem fühlt sich Frau Marti von ihrer Ärztin gut betreut. Und 15 Kilo mehr will sie auch noch verlieren. Dass niemand ihre genetische Veranlagung erkannte, hat sie überwunden.

Erhöhten Blutzucker frühzeitig entdecken

Wer meint, an einem der Diabetes-Symptome zu leiden, wer Diabetiker in der Verwandtschaft hat oder übergewichtig ist, sollte seine Blutzuckerwerte untersuchen lassen. Das gilt auch für Menschen ab 45 Jahren, Personen mit hohem Cholesterin und/oder Bluthochdruck, Arteriosklerose oder Menschen, die einen Herzinfarkt oder Hirnschlag erlitten haben. Auch Frauen mit der Diagnose Schwangerschaftsdiabetes sollten sich testen lassen.

Stellt der Arzt erhöhte Werte fest, gibt es unterschiedliche Strategien: Je nach Schweregrad muss der Patient direkt eine Insulintherapie beginnen oder Tabletten nehmen. Auch hier gibts verschiedene Möglichkeiten: «An erster Stelle stehen Veränderungen des Lebensstils», sagt die Medizinerin Martina Bally. «Dazu gehören Anpassung der Fehlernährung, Gewichtsabnahme, mehr Bewegung, Verzicht auf Nikotin. Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen müssen wenn nötig behandelt werden.»

Viele Typ-2-Diabetiker bekommen Metfin-Tabletten verordnet. Dieses Medikament gibt es seit Jahrzehnten. Seine Wirkung ist gut, lang anhaltenden Erfolg gibts aber nur, wenn übergewichtige Patienten mit Diabetes 2 weniger essen und sich mehr bewegen.

Bringen Sie Bewegung ins Leben

Und das ist eigentlich ganz einfach. Planen Sie einen täglichen Spaziergang ein, fahren Sie weniger Auto, steigen Sie früher aus Bus und Tram oder bieten Sie den Nachbarn an, den Hund spazieren zu führen. Trinken Sie statt Alkohol vermehrt Wasser oder kalorienreduzierte Getränke. Mir empfahl die Ärztin zudem, den Schoggi- und Guetslikonsum zu reduzieren. Zudem esse ich weniger Brot, schöpfe nur noch einmal kohlehydratreiche Gerichte, freundete mich mit Kohlräbli, Broccoli, Spinat und Co. an.

Symptome von erhöhtem Blutzucker

Zu den typischen Symptome von erhöhtem Blutzucker zählen:

  • häufiger Harndrang
  • grosser Durst
  • Austrocknung, Herzrasen, evtl. Bluthochdruck
  • Juckreiz
  • schlecht heilende Wunden
  • empfindliche Haut
  • allgemeine Schwäche, Müdigkeit
  • Gewichtsverlust, Übelkeit, Erbrechen
  • Bewusstseinsstörung bis Koma
  • Sehstörungen durch Verformung der Linse

Zudem besteht bereits bei chronisch nur leicht erhöhten Blutzuckerwerten eine erhöhte Infektneigung (Harnwegsinfekte, Fusspilze etc.).